Posts mit dem Label Reprodukt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reprodukt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 1. August 2012

Kurz und Knapp - Comics für jeden Bedarf


Paradies

 
Ville Ranta

Comic | Reprodukt | 72 S., 16 Euro || Eine eigenwillige Interpretation der Schöpfungsgeschichte liefert der finnische Comiczeichner Ville Ranta mit „Paradies“ ab, eine Auftragsarbeit für die lutherische Kirche seines Heimatlandes. Die Geschichte ist bekannt: Adam und Eva werden aus dem Garten Eden vertrieben, nachdem sie verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis genascht haben. Aber welche Rolle spielt Gott dabei? War er gelangweilt von seiner Schöpfung, hatte genug von der Einsamkeit, die ihm seine Rolle als allwissender Schöpfer bereitet und hat den Sündenfall inszeniert? Und was sollen Adam und Eva überhaupt mit ihrer Erkenntnis anfangen, wenn sie doch immer nur eingesperrt sind? Und welche Rolle spielt der Tod  in dieser Geschichte? Ranta bietet der Lesenden an, das Buch auf mehreren Ebenen zu lesen. Was vordergründig unterhaltend wirkt und mit einem satirischen Augenzwinkern daher kommt, entpuppt sich beim genaueren hinsehen als politische Satire auf Diktaturen. Oder doch eher ein philosophischer Essay der fragt, was eigentlich das Recht auf Selbstbestimmung kostet? Sind Grenzübertretungen notwendig und gerechtfertigt, um seine eigene Freiheit zu erlangen? Gehören Riskiken dazu, wenn man an Selbstbewußtsein gewinnnen möchte? Um einfache und plumpe Religionskritik, wie man es vielleicht am Anfang vermuten mag, geht es nicht.  In seinem Buch wirft Ranta existentiell-philosophische Fragen fast spielerisch auf. Sein Stil trägt zu dieser Leichtigkeit bei. Flüchtig dahingetupfte Farben und fast skizzenhaft Zeichnungen, von Hand gelettert und manchmal auch ein wenig frivol in der Darstellung. Und immer mit einem Augenzwinkern versehen. Die Dichte und Komplexität der gestreiften Themen, die hier so leicht präsentiert werden, machen „Paradies“ letzendlich zu einem der interessantesten Geschichten, die mir in der letzten Zeit untergekommen sind. 

Für mehr Informationen über Ranta: klick.


 
Die Mauer - Bericht aus Palästina

Maximilien Le Roy

Comic | Edition Moderne | 104 S., 19,80 Euro || Während eines Zeichenworkshops lernt der französische Comiczeichner und Illustrator Le Roy den Palästinenser Mahmoud Abu Srour  im Flüchlingslager Aida bei Bethlehem kennen. Beide sind sich auf Anhieb sympathisch, ein Jahr später reist Le Roy noch einmal in das Palästinensische Autonomiegebiet, um Mahmouds Geschichte in Worte und Bilder zu fassen. Es handelt sich um eine Comicreportage, die das persönliche Schicksal Mahmouds und seine politischen Reflektionen vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts erzählt: das triste Leben im Flüchtlingslager, die Schwierigkeiten aus der Autonomiebehörde auszureisen, von Gewalt und Schikane. Mahmoud vergleicht sich mit dem Vogel im Käfig, eingesperrt und seiner Freiheit beraubt. Der Stil den Le Roy wählt ist eklektisch. Vergangene Episoden werden in einfachen schwarz-weiß Bildern erzählt. Vorherrschend ist die Gegenwart, die eintönig und trist in einem schlammigen Grün koloirert wurde. Durchbrochen von fast kindlichen farblichen Zeichnungen, die oftmals Wünsche und Interpretationen Mahmouds zeigen. Mit einer Ausnahme: die Zerstörung des eigen bewirtschafteten Landes durch israelische Soldaten, um eine israelische Siedlung aufzubauen. Interessant ist vor allen Dingen wie Le Roy historische Bilder verwendet. Da wäre das der Kim Phuck, die als nacktes Mädchen, das während des Vietnamskrieges vor einem Napalmangriff wegrennt, berühmt geworden ist. Dieses Bild genießt ikonischen Staturs und wird oft losgelöst vom historischen Referenzrahmen genutzt, Emotionen beim Leser/Leserin zu wecken. Allerdings wird dabei allzu oft vergessen, dass es sich hierbei um ein friendly fire handelt und es eigentlich nicht dazu taugt, Gewalttätigkeit des Gegners zu kritisieren. Diese Reportage bietet also Gesprächsstoff für beide Lager: PalästinenserbefürworterInen und IstraelunterstützerInen. Lesenswert somit alle Mal. 

Für mehr Informationen über den Autor - hier
Rezension in der TAZ
Rezension und Vergleich mit thematisch verwandten Comics (u.a. Guy Delisles großartiges Aufzeichnungen aus Jerusalem) in der Süddeutschen
Leseprobe auf der Seite der Edition Moderne




Ein philosopisch pornografischer Sommer

Jimmy Beaulieu

Comic | Schreiber & Leser | 288 S., 22,80 Euro || Der Comic als ein modernes Sittengemälde der kanadisch-frankophonen Gesellschaft, in der man in Kunst macht und sämtliche Spielarten der Sexualität ausprobiert. Leichtfüßig und spielerisch kommen die Zeichnungen daher und reflektieren somit auch die Handlung. Louis, Autor in der Schaffenskrise, kauft sich ein altes Hotel und lädt ein bekanntes Paar ein, den Sommer mit ihm und seiner Freundin dort zu verbringen. Und selbst für die, die in der Stadt bleiben, sind die Beziehungskisten kompliziert. Die erotischen Bindungen und Spannungen dominieren die Handlung: Wer kann mit wem und wie? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und doch empfinde ich, dass das Buch stellenweise den Hauch von positivem Sexismus atmet, z. B.: „Eine Frau zeichnen, das ist für mich wie Dessert essen. Einen Mann zeichnen ist wie ein Formular ausfüllen.“ Um ein völlig emanzipiertes Bild von Sexualität zu zeichnen, hätten die beiden Männer doch auch mal miteinander und nicht nur passiv in die Rolle von Voyeure schlüpfen müssen, die sich am lesbischen Sex ihrer Freundinen erfreuen. Trotzdem gebe ich zu, dass die weibliche Sexualität insgesamt als stark und emanzipiert präsentiert wird. Insgesamt ist der Comic ein netter Zeitvertreib, hinterläßt aber keinen bleibenden Eindruck, dafür fehlt es mir dann doch an Handlung und Tiefe.

Autorenseite bitte hier entlang: klick
Leseprobe bei Schreiber & Leser, auf deren Seite sich auch ein ständiges Update der Rezensionen zum Comic befindet


 
We are not armed. Südafrika jenseits der Apartheid

Gregor Straube und Bert Dahlmann (Hrsg.)

Comic | Edition Panel | 33 S., 4,80 Euro || Bei dem vorliegenden schmalen Bändchen handelt es sich um einen Ausstellungskatalog in Form eines Comics zu der Wanderausstellung „We are not armed – Don´t shoot“. Hier wird die Möglichkeit geboten, sich mit der südafrikanischen Comicszene auseinander zu setzen. Im wesentlichen scheint es sich hierbei um Zeichner und Zeichnerinen aus dem Bitterkomix – Umfeld zu handeln, wohl eines der bekanntesten Organe der südafrikanischen Comicszene. Das Heftchen zeigt wunderbar die Vielgestaltigkeit und unterschiedliche Herangehensweise der einzelnen KünsterlerInen. Das Thema, das alle vereint und wohl auch inspiriert, ist die Kolonialvergangenheit Südafrikas, Folgen der Apartheid und ethnische Unterschiede im Alltag. Natürlich werden einem nicht alle vorgestellten Arbeiten gefallen, aber der Band wirft Licht auf eine Szene, die vielen nicht bekannt sein dürfte und ist allein deswegen lohnenswert. Hervorragend beispielsweise: Der Comicstrip „The Richenbaums“ der Trantraal Brüder thematisiert das alltägliche Leben in den Townships und zeichnet sich durch einen verspielten Stil (Daniel Clowes ähnlich), aber trockenen Humor aus. Wunderbar auch die bitterböse Tim und Struppi Parodie des Bitterkomix Herausgebers Joe Dog.

 Leseproben finden sich auf der Verlagsseite von Edition Panel   
Die Facebookseite der Trantraal Brothers 
   

Mittwoch, 30. Mai 2012

" " - Athos in America von Jason (Rezension)



'Saying nothing... sometimes says the most.' (E.Dickinson) 

Der norwegische Comiczeichner Jason, bürgerlich John Arne Sæterøy, beherrscht die Kunst, seine Geschichten ohne viele Worte zu erzählen. Seine Comics heben sich durch eine Reihe von Merkmalen vom Mainstream ab:  Markant für sein gesamtes Schaffen ist die reduzierte Wortwahl in seinen Comicgeschichten. Die Leserin und Leser müssen also einen Großteil selber leisten, um die so entstehenden Informationslücken zu schließen - also das, was Scott McCloud in Understanding comics als gutter (dt. Rinnstein) bezeichnet. Jasons Geschichten wirken oftmals melancholisch und haben einen ironischen Unterton, dank der wenigen Worte, die Jason verliert und dem Geschehen in seinen Bildern. Die Comics zeichnet er in dem von Hergé bekannten Ligne Claire Stil, was ebenfalls die Reduktion auf das Wesentliche widerspiegelt. Charaktere in seinen Comics sind  anthropomorphe Tiere, ganz so wie bei Spiegelmanns Maus. Den Tieren fehlt es außerdem an Augen, dort wo Pupille und Regenbogenhaut sein sollte, begegnet dem Leser und der Leserin ein weißes Nichts. Noch mehr Raum entsteht, der es der Lesenden zur Aufgabe überläßt, gefüllt zu werden. 
Seine Inspiration zieht Jason aus B Movies und Genrefilmen:
"Left bank gang" and "Living and dead" are closer to the type of stories I want to tell, just playing around with genres. A lot of my favourite books and films are genre stories. There are some rules you have to follow, but at the same time you have a lot of freedom to put in whatever you want. You can slightly mock the genres but at the same time try to achieve what's fun about them. (Jason in einem Interview von 2007)
Quelle: KGB Yard Sale
Zu seinen weiteren Inspirationsquellen zählt er u.a. Kultfiguren wie: Jim Jarmusch, Wes Anderson, Aki Kaurismäki. Jaime Hernandez und Daniel Clowes. So pendeln seine Geschichten zwischen Pop und Beat, Werwölfen und Zombies. Jason läßt Genres die Spielregeln bestimmen, nur um sie zu brechen. Letztendlich sollen seine Comics vor allem eins sein: lesbar. Dazu trägt auch die strikte Seitenaufteilung von sechs bis zu neun Panels bei (nun ja, Athos in America hat vier pro Seite), die den Rhythmus jeder Geschichte bestimmt. Zum Colouring nur soviel: Das wird nicht von Jason erledigt, sondern von Hubert, seine Farbenwahl ist gleichmäßig und ruhig und sind eine hervorragende  Ergänzung zu den einzelnen Geschichten.

Der Band Athos in America (in Amerika von Fantagraphics, in Deutschland leider noch nicht erhältlich, einzelne Bände von Jasons Arbeit bei Reprodukt) faßt sechs Kurzgeschichten zusammen, ganz ähnlich wie das zuvor veröffentlichte Low Moon. Der Titel Athos in America lehnt sich als Art Prequel an the Last Musketeer (Wird beworben als ein wildes Mash up von die Drei Musketiere und Flash Gordon) an.

In der Titelgeschichte Athos in America lernt man den melancholischen, stets höflichen Athos kennen, der einem amerikanischen Barkeeper sein Herz ausschüttet. Athos ist ein Anachronismus in seinem ganzen Verhalten und Aussehen und die Story lebt von einer melancholisch-lakonischen Grundatmossphäre. Angesiedelt im New York der 20er Jahre meint man geradezu den Jazz als Untermalung der Geschichte zu hören. Der Schluss kommt ganz ohne Worte aus und verstärkt noch einmal das Gefühl von Einsamkeit und Isoliertheit des Titelheldens.

A cat from heaven läßt unweigerlich an Bukowski denken. Jason inszeniert sich als versoffenen Comiczeichner, der nicht davor zurück schreckt, seine Freundin zu schlagen. Die darauf folgende rosenkriegerische Trennung zieht den weitern Absturz des Autors nach sich. A cat from heaven illustriert die Spirale nach Unten, die dann wieder am Anfang endet und man kann sich fragen, ob es sich da nicht um einen Teufelkreis handelt. Der im dichterischen Fall gerne als romantische Story inszeniert wird, in der die Frau natürlich ohne mit der Wimper zu zucken, das jammernde Häuflein Elend wieder bei sich aufnimmt. Man könnte natürlich auch spekulieren, daß nach der häuslichen Gewalt der soziale Abstieg folgt und sich somit ja schon latent eine Kritik am Verhalten des Protagonisten abzeichnet. Ganz so wie die BRAVO in ihren Fotolovestories gerne besonders dick aufträgt, damit auch jeder erkennt, gegen welche Stereotypn und Ungerechtigkeiten gekämpft wird.

Quelle: http://comic-news.ansipedi.com/athos-in-america
Meine Lieblingsstory ist die Collage aus The brain that doesn´t die und Who´s afraid of Virgina Woolf. Tragischer Weise ist von der Frau des verrückten Wissenschaftlers nur noch ihr Kopf erhalten. Dieser wird durch eine Erfindung von ihrem Mann lebendig gehalten. Er begibt sich nun auf die Suche nach geeigenten Ersatzkörpern, um seine Ehe zu retten. Etwas, daß in seiner Absurdität nur im B-Movie vorkommt oder aber im Comic.

Weitere Stories im Buch: Tom Waits in America, The  smiling horse und So long Mary Ann. Auch hier finden sich oben bereits genannte Versatzstücke: Gangster und Pulp Fiction, Gewalt und wenig Worte. Jasons Arbeit scheint ein Panoptikum der Popkultur und Querverweise, ungeniert bedient er sich aus den unterschiedlichen Genres, nur um ihre Regeln zu brechen. Eine Hommage mit Augenzwinkern, in dem die fehlende Emotionslosgkeit der ProtagonistInen und ihre oftmalige Sprachlosigkeit, die LeserInen auffordert, ganz genau hinzusehen.

Wer sich ein Bild von Jasons Schaffen machen möchte, kann hier bei der New York Times seine Geschichte Low Moon lesen. Seinen eigenen Blog Cats without dogs gibt es hier: klick.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Oh what can I do? I'm feeling blue - Baby's in Black (Rezension)


Astrid Kichherr - Selbstporträt
"Ich sah diese Gesichter auf der Bühne und im selben Moment fiel mein bisheriger Lebensentwurf in sich zusammen und etwas Neues trat an seine Stelle. Zuerst sah ich John, dann die anderen ... Und schließlich Stuart. Er hatte dieses gewisse Etwas, das mir sofort ins Auge sprang – und von dem ich nicht glauben konnte, dass ich es gefunden hatte."
– Astrid Kirchherr

Astrid Kirchherr ist Teil eines Mythos. Sie ist mitverantwortlich dafür, daß die Beatles Pilzkopffrisuren tragen werden. Als sie ihrem damaligen Freund, Stuart Sutcliffe, als erstem einen Pilzkopf schneidet, lacht John Lennon noch darüber. Kirchherr hat die ersten professionellen Fotos von den Beatles geschossen. Diese Fotos sind aber auch der Grund, warum sie mit der Fotographie brach. Es störte sie, immer nur als Beatles-Fotographin wahrgenommen zu werden.  Und sie war bzw. ist mit den Beatles befreundet. "Ich bin von Anfang an sehr stolz auf meine Freunde. Für mich sind sie nicht die Beatles, sie sind meine Freunde."


Ein weiterer Protagonist des Comics Baby's in Black von Arne Bellsdorf ist Klaus Voormann - der älteste Freund der Beatles. Er hat diverse Covers designed u.a. Mando Diao, Turbonegro, Trio, Jimi Hendrix und natürlich die Beatles. Er ist verantwortlich für das Revolver-Design. Außerdem spielte er in Manfred Man Band und in der Band von John Lennon und Yoko Ono Plastic Ono Band. Er hat als music scout  in den achtziger Jahren Trio entdeckt.
Klaus Voorman - Selbstporträt
Im Oktober 1960 bei einem nächtlichen Streifzug über die Reeperbahn, landet Klaus im Kaiserkeller. Er entdeckt Rock'n'Roll, er entdeckt die Band, die später als The Beatles Musikgeschichte schreiben werden. Völlig fasziniert, geradezu atemlos klingelt er nachts bei seiner Freundin Astrid Kirchherr und erzählt ihr, sie müsse unbedingt mitkommen und sich ansehen, was diese Menschen dort auf der Bühne machen. Tatsächlich folgt Astrid ihm an einem der nächsten Abende und auch sie wird mitgerissen von der Musik. Aber nicht nur die Musik, sie scheint sich auch auf den ersten Blick in Stuart Sutcliffe, den damaligen Bassist der Beatles, zu verlieben.

Hamburg painting no. 2, Stuart Sutcliffe
Stuart Sutcliffe wird Astrid Kirchherr heiraten. Er verläßt die Beatles noch bevor diese Erfolg haben, um sich ganz auf die Malerei zu konzentrieren. Sutcliffe war nur bei den Beatles, weil ihn sein Freund John Lennon, den er seit seinen Tagen auf dem Liverpooler College Of Art kannte, darum gebeten hatte. Er ist der fünfte Beatle. Sutcliffe verstirbt im Jahr 1962 in Folge einer Hirnblutung. Die Liebe zwischen Sutcliffe und Kirchherr scheint magisch gewesen zu sein. Pete Best, der damals noch Schlagzeuger bei den Beatles war, bevor Ringo Starr ihn ersetzen sollte, sagt, daß der Beginn dieser Beziehung wie ""one of those fairy stories" war.



Arne Bellsdorf erzählt in dieser Graphic Novel, die bei Reprodukt erschienen ist, die Geschichte einer Liebe. Die Geschichte von Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe. Und natürlich über die frühen Beatles und den Beginn ihrer Karriere. Gleichzeitig bietet diese Novel aber auch einen Einblick in die Hamburger Subkultur der 60er Jahre. Am Rande blitzen die Konflikte zwischen Rock'n'Roll-Jüngern und der künstlerischen Bohème auf, die sich für Jazz und Existenzisalismus interessierten. Bellsdorf erzählt die Geschichte in starken, kontrastreichen schwarz/weißen, melancholischen Bildern. Er selber dazu in einem Interview: "Eben weil Schwarz-Weiß genau ihre Welt war. Sie hatte dieses Ideal, sich reduziert in Schwarz zu kleiden. Das war ihre Welt und das läßt sich einfach gut in eine Zeichnung übersetzen, die mit diesen Kontrasten Hell/Dunkel arbeitet. Es war total naheliegend, daß ich das so umsetze wie einen Schwarz/Weiß-Film von Jean Cocteau."
Bellsdorf ist es gelungen, den Moment der Liebe auf den ersten Blick graphisch einzufangen. Als Leser mußte ich ein wenig schmunzelen als Astrid sagt, nachdem sie von Klaus gefragt wird, ob er ihr zuviel in punkto Beatles versprochen hätte:  "Nicht ganz. Er [Stuart Sutcliffe] sieht viel besser aus James Dean." Dabei sind es doch nur Musiker, die in einer Kaschemme spielen und dabei im Fall von Sutcliffe auch noch eine Sonnenbrille tragen. Also eigentlich etwas dämlich.  Und immer wieder diese Blicke, die das gegenseitige Interesse der Beiden bekunden, man meint, man ist dabei, wenn man sich die Zeichnungen ansieht. Die graphische Umsetzung der Nachricht, dass Sutcliffe in Folge seiner Gehirnblutung ins Krankenhaus muß, hat Bellsdorf eindrucksvoll gelöst. Die Sprechblasen um Kirchherr bleiben leer. Wie in Trance scheint sie, als sie nach Hause eilt, um Sutcliffe beizustehen.  Bellsdorf: "Gerade der Schluß ist eine Sache, die schwierig zu erzählen ist. Weil es ja eigentlich ein harter Einschnitt ist. Dieser Moment, wenn jemand aus dem Leben gerissen wird, das ist eine Sache, die ich selber nicht erlebt habe und die ich mir einfach so vorgestellt habe, dass es ein Moment der Sprachlosigkeit ist." Aber eben auch ein Moment der Entfremdung von der Realität, der Isolation, der völligen Hilflosigkeit.


Sutcliffe und Kirchherr
"When I think about it now, with hindsight, those feelings I had with Stuart - of love - were the strongest I have ever had in my life. I don’t know how to explain it … It was so intense that sometimes it frightened me."
— Astrid Kirchherr

Heurtebise: "Ich verrate Ihnen das Geheimnis aller Geheimnisse... Die Spiegel sind die Tore, durch die der Tod  kommt und geht. Sagen Sie es niemanden weiter. Und dann noch: Betrachten Sie sich Ihr Leben lang im Spiegel, und Sie sehen den Tod arbeiten wie Bienen in einem gläsernen Bienenstock." 
- Jean Cocteau, "Orphée"







In diesem Sinne: Books not Sex! 

Montag, 25. Oktober 2010

To live in peace, dream and plant potatoes - Willkommen im Mumintal (Rezension)

"Vid min Svans!" - Zu Deutsch: "Bei meinem Schwänzchen!". Ich liebe die Mumins. 

1945 wird die Kinderbuchliteratur durch eine Revolution erschüttert. Es erscheint Pippi
Långstrump
von Astrid Lindgren und Småtrollen och den stora översvämningen (dt. Mumins lange Reise) von Tove Jansson. "...die Märchenfee [hielt sich] versteckt, bis Astrid Lindgren in Småland und Tove Jansson in Finnland geboren wurden.’
  
 Tove Jansson wurde 1914 in Helsinki, Finnland geboren. Ihre Familie gehörte der schwedischsprechende Minderheit an. Ihre Eltern waren Künstler: Viktor Jansson Bildhauer und Signe Hammarsten-Jansson Grafikerin und Illustratorin. Eine kreative als auch exzentrische Umgebung. So soll die Kinderfrau Platon vorgelesen haben und das Haustier Poppolino, ein Äffchen, mit Vorliebe karierte Pullover getragen haben. Tove Jansson studierte Kunst an diversen Hochschulen und arbeitete später als Malerin und Illustratorin. Sie schrieb Novellen, Erwachsenen-und Kinderbücher. Sie zeichnete außerdem Comic-Strips.
Der Mumintroll - bei den Mumins handelt es sich um nilpferdartige Trollwesen, dicker Bauch, dicke Nase und Kulleraugen als Markenzeichen - scheint ein Produkt aus Toves Jugend zu sein. So sagt sie, daß sie einen Prototyp des Mumins (dünn und häßlich mit einer langen Nase und einem teufelsartigen Schwanz) in ihrer Jugend an die heimische WC-Wand gemalt hätte. Untertitelt mit "Kant", nachdem sie einen philosophischen Wettstreit mit ihrem Bruder verloren hatte. Dieser Troll tauchte dann ab 1940 regelmäßig als Erkenneungszeichen bei ihren Strips für das Satiremagazin Garm auf. Tove Jansson starb im Juni 2001.

Der erste Mumin-Comic wurde für die finnland-schwedische Zeitung Ny Tid zwischen den jahren 1947-1949 produziert. Später, 1954-1959, wurden Mumin-Comic-Strips für die englische Evening News geschrieben, Tove Jansson erhielt dabei Unterstützung von ihrem Bruder Lars Jansson. Diese Strips erschienen in über 40 Ländern und in ca. 120 Tageszeitungen mit über 20 Millionen Lesern. Die Mumin-Comic-Strips sind wohl deshalb der bekanntest Comicexportschlager aus Finnland. Die Mumin-Comics werden jetzt in einer fünfbändigen Werkausgabe von Reprodukt veröffentlicht. Zur Zeit sind zwei Bände erhältlich, der dritte Band soll im November 2010 erscheinen. Die Bücher kommen in einem schicken Layout daher: Großformatig und in Halbleinen gebunden. So sind sie nicht nur optisch, sondern auch haptisch einfach ein Genuß. Wer nicht warten kann, kann auf die Werkausgabe zurückgreifen, die bei Drawn & Quarterly erschienen ist. Dort sind bereits alle fünf Bände, ebenfalls im Großformat und Halbleinen, erschienen.

  Auf Grund der Rezptionslage in Deutschland zum Beginn der ersten Muminveröffentlichungen bzw. bei den Comics in den 80ern Jahren gibt es erhebliche Diskrepanzn zum Original. Während Tove Jansson sowohl für Erwachsene als auch Kinder geschrieben hat und sich hier die Grenzen verwischen, wurde sie für den deutschen Markt zunächst als Kinderbuchautorin etabliert. Das beinhaltet, daß die ersten Übersetzungen auf einen kindlichen Kosmos ausgerichtet waren. Intertextuelle Bezüge zur Erwachsenenliteratur wurden getilgt. In den Comics wurde den ProtagonistInnen eine kindliche Sprache in den Mund gelegt. Die Rezensionen zu den frühen Comicveröffentlichungen sind auch nicht gnädig zu nennen: "Die dritte und unterste Schicht schließlich bieten 9 “Comic”-Bücher und “Strips” [...]. Hier ist ein ähnlich bedauerliches Phänomen wie beim frühen Disney und seinen späteren Verirrungen zu finden. Der Erfolg und der breite Publikums-Zuspruch haben die Kunst kommerzialisiert und damit korrumpiert." - Wieder einmal jemand, der von Comics keine Ahnung hatte. Der Comic wurde in Deutschland erst mit Asterix und Obelix aus seiner Schmuddelecke bzw. "Nur-Etwas-Für-Kinder-"Label herausgeholt und heute findet man zahlreiche wissenschaftliche Publikation auf hohem (zumindest sprachlichen) Niveau.

Von daher mag es kein Fehler sein, daß ich die Mumins erst vor ein paar Monaten für mich entdeckte. Doch schon jetzt bin ich diesen skurrilen Geschöpfen verfallen. Die Zeichnungen sind detailiert, phantasievoll und laden dazu ein, genau betrachtet zu werden. Die Panelumrandungen sind teilweise in das Bild eingebunden und lohnen auch einen genauen Blick. Das macht das Buch sicherlich für Kinder ungemein spannend. Jeder wird sich in diese Wese verlieben, die dem Kindchenschema entsprechen, weiche Linien und große Augen. Was mich nun als Erwachsene fasziniert, ist nicht allein die überbordende Phantasie, sondern auch die Skurrilität und Absurdidät der Comics. So ist Muminpapa ein Hochstapler, wie er im Buche steht. Er wartet auf Abenteuer, möchte im Leuchtturm wohnen und schwärmt für guten Whiskey. Gerne wäre er ein Hasardeur - ein Glücksspieler. Muminmama erscheint der ruhende Pol der Familie. Sie hat immer ein guten Ratschlag an der Hand, im Gegenzug aber zu der perfekten Hausmutter und Nachbarin Filifjonka  eher ungewöhnliche Methoden der Geschirreinigung. So wird das dreckige Geschirr erst einmal unter dem Bett gestapelt, bis der nächste Regen es wieder sauber waschen kann oder doch lieber gleich beim Strandbad in den Meeresfluten gespült. Kein Wunder, daß zwischen Muminmama und Filifjonka öftermal ein Konflikt auf Grund von unterschiedlichen Lebensentwürfen entsteht. Das Snorkfräulein, ist nicht nur Mumins Freundin, sondern auch ein flotter Käfer. Sie liebt Schmuck und Romantik und verliert ihr Herz allzu schnell an andere Männer. Eine wunderbare Szene findet sich in Mumin an der Rivera, wo das sonst nackte Snorkfräulein sich unter einer Decke in einen kleinen, blauen Bikini windet. In der Figur des Snorkfräuleins paart sich Naivität und Arroganz und man ist ihr rettungslos verfallen. Mumin dagegen scheint oftmals ein hilfloser Träumer, aber nicht minder liebenswert.
Eine meiner liebsten Geschichten handelt u.a. über einen kleinen, dackelartigen Hund, der ein schreckliches Geheimis mit sich herumträgt. Er würde gerne mit Katzen befreundet sein. Muminmama hilft auf ihre eigene Art dem Kleinen, in dem sie einen anderen Hund als Katze anmalt.

Vielleicht mag ich die Mumins auch, weil sie immer im Klinsch mit den typischen gesellschaftlichen Anforderungen stehen: Geld verdienen, Pflichten übernehmen oder ähnliche spaßraubende Aktivitäten. Die Mumins sind ein hedonistischer Verein, der voller Lebensweisheit steckt:, so entapnnt sich folgender Dialog in The Conscientious Moomins nach dem sie Besuch von einem Vertreter der League of Conscience and Duty hatten und Vater Mumin plötzlich angefixt ist, etwas Anständiges aus seinem Leben zu machen: 
Muminpapa: "I thought we'd start our new life by getting up early."
Mumin: "But what'll we do?"
Muminpapa: "I don't know...It's the principle, early to bed, early to rise."
Muminmama: "Why not get up late and go to bed late?" 
Überflüssig zu erwähnen, daß Frau Filifijonka die komplette Sippschaft kurze Zeit später schlafend im Garten vorfindet.

Und Mümmla rät uns allen: "Leg dich auf die Brücke und schau zu, wie das Wasser vorbeifließt. Oder roll dich zusammen und hör zu, wie der Regen aufs Dach trommelt. Es ist ganz leicht, das leben zu genießen." Sollte ich vergessen, wie man das Leben richtig genießt, hier noch mal als kleiner Reminder: Sicherlich gehört dazu bei diesem schmuddeligen Herbstwetter eine Tasse heißer Kakao, leckere Schoki, eingemummelt unter einer Bettdecke, meine Katze schnurrend am Fußende, die Mumins wieder und wieder lesend. Life but how to live it?!


Zur weiteren Erbauung und eine der wenigen deutschen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, sei noch folgender Link nachgereicht, aus dem ich im Posting ebenfalls zitiert habe: Mumins wundersame Deutschlandabenteuer, die Dissertation von Jendis.


In diesem Sinne: Books not Sex!